Ein Deutschlandfan

Es ist bereits dunkel. Ich stehe mit einer deutschen Freundin an der Bushaltestelle vor dem Bahnhof. Auf einer der Sitzflächen im Haltestellenhäuschen sitzt ein Mann: ca. 40 Jahre alt, dunkler Teint, sehr kurzes Haar. Er beobachtet meine Freundin und mich, ich merkte genau, dass er auffällig lange in unsere Richtung sieht.

Nur keinen Augenkontakt, sage ich mir vor.

Das ist eines dieser Phänomene, an das ich mich nach der Ankunft an der Côte d’Azur zunächst gewöhnen musste. Männer scheinen hier wesentlich weniger schüchtern zu sein als im introvertierten Deutschland.

Der hat wohl noch nie ‘ne Frau gesehen.

Noch dazu habe ich das Gefühl, dass vor allem meine helle Haar- und Hautfarbe hier des öfteren Aufsehen erregen. Meine Freundin und ich drängen uns schnell in den übervollen Bus und versuchen einen annehmbaren Stehplatz zu ergattern. Es herrscht wildes Stimmengewirr. Auch wir Mädchen quatschen über Gott und die Welt und lachen ab und an über verrückte Anekdoten aus dem Universitätsalltag. Bald wird ein Sitzplatz gegenüber von uns frei, ich tausche einen schnellen Blick mit meiner Freundin aus. Sie deutet mir an, ich solle mich setzen. Ich husche auf den Sitz, erleichtert, da ich mich nun aufgeräumt fühle im engen Bustreiben.

Haben Sie genug Platz?, tönt es auf einmal neben mir und mein Sitznachbar rutscht ein wenig zur Seite.

Ja ja, sicher, Dankeschön, antworte ich automatisch. Dann ein kurzer Moment der Verwirrung.

Sie sprechen Deutsch?, frage ich und erkenne im selben Augenblick, dass es sich um den Mann handelt, der mir schon an der Bushaltestelle aufgefallen war.

Ja, ich spreche Deutsch. Ich habe gehört, wie sie mit ihrer Freundin Deutsch gesprochen haben. Wissen Sie, ich komme aus Albanien, habe aber lange Zeit in München gelebt.

Nein, ist nicht wahr! München kenne ich gut, ich bin oft dort. Ich habe fast ein schlechtes Gewissen, den wirklich sehr sympathischen und höflichen Herren zuvor als dreisten Gaffer abgestempelt zu haben.

Ich bin als Asylant nach Deutschland gekommen, um Arbeit zu finden. Am Anfang konnte ich kein einziges Wort Deutsch. Ich habe schließlich in einem Wirtshaus gearbeitet und Bier ausgeschenkt. Mittlerweile hat es mich nach Frankreich verschlagen, erklärt er mir.

Respekt, Sie sprechen sehr gut Deutsch! Hat es Ihnen in München gefallen?, ich finde solche Geschichten wahnsinnig interessant und.

Sogar sehr! Die Deutschen sind anfangs etwas zurückhaltend, das war schwer zu verstehen für mich. Wenn es einem allerdings gelingt, sie von sich zu überzeugen, dann hat man Freunde fürs Leben gefunden.

Ich bin fasziniert von seiner Ausdrucksfähigkeit und vergleiche: Mein Französisch ist nicht annähernd so ungezwungen und flüssig wie sein Deutsch, wirklich beneidenswert. Kurz bevor ich aussteige fragt der Mann: Was machen Sie hier in Frankreich? Studieren Sie?

Ja richtig, ich studiere Wirtschaft und Sprachen an der Fac de Lettres, antworte ich.

Sie studieren Sprachen? Oh, das wäre viel zu schwierig für mich, sagte er mir in perfektem Deutsch.

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