Der mit dem Bären tanzt

Nirgends auf der Erde kann ein Exil so vollständig sein wie hier, unter dem furchtbaren Triumvirat: Finsterniß, Kälte und Einsamkeit. So zitiert Christoph Ransmayr in seinem Roman Die Schrecken des Eises und der Finsternis Julius von Payer, der sich 1872 mit einem habsburgischen Forschungsschiff auf Reisen begibt. Trotz Packeis und ungünstiger Winde gelingt es der Mannschaft, zum ersten Mal den nordöstlichsten Punkt Eurasiens zu betreten. Sie leistet einen wesentlichen Beitrag zur Polarforschung. Fast 150 Jahre später wird die Geschichte dieser Reise neu erzählt – eine Geschichte über Abenteuer, bemerkenswerte Lebewesen und das ewige Eis.

Ein Kaiser, eine Expedition und eine Insel aus Eis

Wien, Schloss Schönbrunn, 18. August 1830: Erzherzog Franz Joseph Karl von Österreich erblickt das Licht der Welt. Im Alter von 18 Jahren besteigt er unter dem Namen Franz Joseph I. den Kaiserthron, 1853 geht er mit Prinzessin Elisabeth Ludovika von Bayern, genannt Sissi, den Bund der Ehe ein. Nicht nur die dreiteilige Filmreihe mit Romy Schneider und Karlheinz Böhm erhält die Erinnerung an diesen sagenumwobenen Kaiser. Eine zu Russland gehörige Inselgruppe im Nordpolarmeer, die während der Regentschaft von Franz Joseph I. im Zuge einer Nordpolexpedition wiederentdeckt wurde, trägt noch heute den Namen „Franz Josef Land“. Es handelt sich um einen unberührter Fleck Natur mitten im arktischen Ozean. Eine Insel aus Eis und Schnee, die Heimat von Polarfüchsen, Seehunden und Eisbären.

Die Eisbären von Schönbrunn

Der Tiergarten Schönbrunn hat den Zauber dieses Ortes nach Wien gebracht, und zwar in die neue hochmoderne Eisbärenanlage, die in Erinnerung an die österreich-ungarische Forschungsreise Franz Josef Land getauft wurde. Das Projekt lädt dazu ein, Eisbären auf einer Fläche von 1.700 m² aus nächster Nähe zu beobachten. Das Außengehege ist fast von jedem beliebigen Punkt des Zoos nur einen Schritt weit entfernt. Die Innenanlage, der „Polardom“, lässt Besucher das Abenteuer einer Reise in das Unbekannte erleben. Auf den Spuren von Julius von Payer und Carl Weyprecht, den kaiserlichen Expeditionsleitern, erfährt man alles über Arktis und Antarktis, den Klimawandel, Eisbären und deren Lebensumstände. Die Informationen werden spannend durch interaktive Spiele, intelligent designede Schautafeln und neue Medien vermittelt. Neben einer Walflosse in Originalgröße sowie einer aus der Wand ragenden Eisbärenfigur darf gepost und geknipst werden. Mehrere Fensterfronten zwischen Polardom und den Wasserbecken der Anlage ermöglichen schließlich die atemberaubende Begegnung zwischen Mensch und Tier.

Franz Josef Land

Abtauchen

Wie durch die Luke eines U-Boots gewährt eine Glasscheibe Blicke auf das tiefe Blau. Links und rechts ragen beeindruckende Felswänden in die Höhe, die nach oben hin sanft in das weiße Licht der Wasseroberfläche auslaufen. Das kühle Nass macht einen vertikalen Farbverlauf von grau-blau über türkis bis hin zu hellblau durch. Es ist, als blicke man auf eine andere Welt. Das Farbspiel und die leichten Bewegungen des Wassers haben eine unglaublich beruhigende Wirkung. Hier könnte man ewig stehen bleiben.

Völlig unvorhergesehen dann die Erschütterung, das Wasser im Becken schlägt Wellen, Luftblasen steigen auf. Das Etwas, das ins Wasser gesprungen ist, sackt abwärts verschwindet sogleich hinter einem Felsen. Die Stille endet, unzählige Besucher nähern sich und rangeln um die besten Plätze an der Glasscheibe. Alle Aufmerksamkeit ist auf den Felsen gerichtet. Die Wellen werden langsam weniger, da kommt vorsichtig eine weiße Schnauze mit schwarzem Näschen hinter dem Stein hervor. Erneut steigt Luft auf. Der Schnauze folgen ein Auge, eines kleines rundes Ohr, ein stromlinienförmiger Schädel. Eisbärin Lynn schnappt sich einen Fisch vom Grund, hält ihn gut im Maul fest und schwimmt wieder nach oben, gerahmt von silbernen Luftblasen, die sie zu tragen scheinen. Schon hat sie die Oberfläche erreicht, taucht mit dem Kopf auf, so dass dieser durch die Glasscheibe nicht mehr zu sehen ist, und lässt sich auf dem Felsen nieder. Einige Kinder lachen. Der Rest bestaunt die mächtige Rückseite der scheinbar kopflosen Bärin, die vermutlich genüsslich ihren Fisch mampft. Dann wieder auf Anfang, der nächste Sprung ins Wasser, der nächste Fisch – das erstaunliche Erlebnis beginnt von Neuem.

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