Handstand im Prüfungsamt

Liebes Tagebuch,

noch nie habe ich verstanden, warum ein anstehender Gang zum Prüfungsamt an der Uni jedes Mal unterschwellige Nervosität in mir auslöst. Ich gehe noch einmal durch, ob ich auch alle relevanten Dokumente dabei habe. Da wären der Sprachenschein in Original, eine Kopie des Scheins und der ausgefüllte Einbuchungsantrag. Sehr gut, alles da. Mist, und wenn sie meinen Studentenausweis sehen wollen? Ausgerechnet heute habe ich ihn nicht dabei. Aber warum sollten sie danach fragen? Eigentlich reichen doch mein Name und meine Matrikelnummer, um mein Dossier in den Tiefen der universitären Datenbanken zu finden.

Neben bereits genannter Zettel halte ich ein kleines Papier mit einer Nummer in Händen, die ich vorher ganz brav gezogen habe. Es ist viel zu früh am Morgen, die Gänge sind leer und abgesehen von mir warten lediglich zwei andere Studenten vor dem Prüfungsamt. Trotzdem muss man eine Nummer ziehen. Logisch. Wo kämen wir denn sonst hin.

34 Minuten später warte ich noch immer vor der Tür des Prüfungsamts und starre verbissen meine Nummer an, die einfach nicht aufgerufen wird. Ich starre ganz fest und ganz lange. So fest und so lange ich kann, ohne zwinkern zu müssen, um dann festzustellen, dass ich die Kunst der Gedankenübertragung leider nicht beherrsche. „Bling“, tönt es da auf einmal und der übergroße digitale Bildschirm über der Bürotür zeigt tatsächlich meine Nummer an. Kurzzeitig überlege ich mir, das Studium einfach hinzuwerfen und eine Karriere in der Esoterik zu starten.

Im Inneren des Büros, zu dessen Zugang einen ausschließlich der Besitz eines kleinen weißen Papierchens mit der richtigen Zahl berechtigt, erkläre ich der Sekretärin mein Anliegen. Upps, da fällt mir das Zettelchen glatt auf den Boden. Egal, jetzt bin ich ja drin. Die Dame sieht mich mit eingefrorener Mimik an und reagiert nicht. Eifrig lege ich ihr meine Dokumente vor. Sie nimmt sie zur Hand, wirft einen Blick darauf, schaut wieder zu mir. Immer noch keine Reaktion. Ich tue mich schwer, ihr maskenhaftes Gesicht zu deuten und überspiele die unangenehme Situation, indem ich ohne Ende darauf losquatsche und ihr nochmals in drei verschiedenen Varianten erkläre, welche Leistungspunkte wo eingebucht werden sollen. Sie legt die Dokumente vor sich auf dem Schreibtisch ab, ihr Blick ist immer noch ausdruckslos auf mich gerichtet. Ich bilde mir ein, ein leichtes Nicken zu erkennen. „Sie haben alles, was sie brauchen? Kann ich gehen?“, frage ich hilflos und füge innerlich hinzu: „Oder worauf warten Sie? Soll ich einen Handstand für Sie machen?“. „Wiedersehen“, lautet die ernüchternde Antwort. Ich schnappe mir meine Tasche und gehe.

Wieder zu Hause in meinem WG-Zimmer stelle ich erfreut fest, dass die Leistungspunkte bereits eingebucht wurden. „Das ging aber schnell“, denke ich mir noch, bis mir auffällt, dass ein völlig falscher Kurs angegeben wurde. Es steht mir also ein weiterer Tag des Wartens und Angestarrtwerdens im Prüfungsamt bevor, um das korrigieren zu lassen. Juhu. Dieses Mal, da werde ich dann wirklich einen Handstand machen.

[Dieser Artikel ist am 28. Juli 2015 online in der Mittelbayerischen Zeitung unter der Rubrik Tagebuch eines Studenten erschienen: Handstand im Prüfungsamt – Mittelbayerische Zeitung]

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