Er geht mit seiner Laterne

Es dämmert bereits, als eine Gruppe junger Leute am Predigertor unweit der neuen Universitätsbibliothek zusammenkommt. Manche kennen sich und plaudern, andere stehen noch etwas schüchtern am Rand. Ein Junge, der spontan dazugestoßen ist, wendet sich an den Organisator. Er erkundigt sich, ob er auch ohne Anmeldung an der Stadtführung teilnehmen könne oder ob bereits zu viele Leute hier wären. Kein Problem, erwidert dieser, er da spricht ziemlich laut und deutet auf seinen Kollegen, der stilecht mit Dreispitz und langem schwarzen Mantel gekleidet ist und eine Laterne in der Hand hält.

Ghostwalk nennt sich das Event, eine von der Firma Historix-Tours veranstaltete Stadtführung durch Freiburg im Breisgau, die unter dem Motto Mörder, Gräber und Gespenster steht. Bei der etwas mehr als eineinhalbstündigen Tour erfährt man gruselige Legenden, die sich einst an bekannten Orten der Innenstadt abspielten und lernt erstaunliche neue Facetten der sonst so freundlichen Stadt mit den vielen Sonnenstunden kennen.

Wissen Sie eigentlich, dass sie hier auf Leichen gehen?, fragt der altertümlich gekleidete Tourguide mit der geübten Stimme. Iiih!, tönt es da seitens der Besuchergruppe. Tatsächlich war vorher niemandem bewusst, dass sich um den Freiburger Münster früher ein Friedhof befand und sich dort noch heute unterirdische Knochenreste finden lassen. Na toll, das werde ich jetzt immer im Kopf haben, wenn ich über den Markt schlendere, bemerkt ein Mädchen. Mit seiner Gabe zum Geschichtenerzählen vermag es der Stadtführer, wahre Gruselfilme im Kopf entstehen zu lassen.

Historix-Tours hat sich auf geschichtliche Stadtführungen spezialisiert, die auf kreative und lebendige Weise von Schauspielern dargeboten werden. Neben dem Ghostwalk hält der Veranstalter einige weitere Touren bereit mit vielversprechenden Titeln wie Liebe, Elend, Henkersbrut, Vollmond Bier und Zauberkraft oder Henker, Huren Lasterleben. Studenten haben die Möglichkeit, ausgewählte Führungen zu einem vergünstigen Preis über das Freiburger Studierendenwerk zu buchen. Für internationale Besucher gibt es auch Walks in Englischer Sprache.

An dieser Stelle der Tour empfinden viele Leute Kopfschmerzen, Übelkeit oder kollabieren. Wundern Sie sich also nicht, mit diesen wenig beruhigenden Worten geleitet der Guide die Besucher auf einen der Stadtfriedhöfe. Um die Spannung noch zu steigern, schließt er das schmiedeeiserne Tor hinter sich ab, den einzigen sich in Reichweite befindlichen Ausgang. Im dumpfen Licht seiner Laterne führt er die Gruppe zum geheimnisumwobenen Grab einer gewissen Caroline Christine Walter, die 1867 verstorben ist. Täglich würden frische Blumen den aufwändig gestalteten Grabstein schmücken, wobei niemand wisse, wer dafür verantwortlich sei. Müsste ein heimlicher Verehrer der Dame nicht längst das Zeitliche gesegnet haben? Man kann nur spekulieren, was sich nachts auf diesem mysteriösen Friedhof abspielt, beendet der Mann mit dem Dreispitz das Event, bevor er die Gruppe in Richtung Stadtzentrum entlässt. Ob in dieser Nacht alle Teilnehmer gut schlafen werden?

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