Homöopathische Dosen

Deniz Jaspersen ist Sänger und Gitarrist der Hamburger Indie- bzw. Rockband Herrenmagazin. Er ist es, der die poetischen Songtexte schreibt und sprachliche Bilder wie „du ziehst ein Boot durch die Wüste, trägst ein Flugzeug durchs Meer“ kreiert. Vor dem Auftritt der Band in Freiburg habe ich mich für das Uniradio uniFM 88,4 mit ihm getroffen. Einen Teil des Gesprächs möchte ich gerne in schriftlicher Form hier in meinem Blog festhalten. Der  Hörfunkbeitrag war am 1. März bei uniFM am Nachmittag zu hören.


Familie in homöopathischen Dosen

Deniz Jaspersen, Sänger und Gitarrist der Band Herrenmagazin, erzählt von seiner Leidenschaft für Worte, von Familie und Liebesliedern

 

In einem Interview mit der taz aus dem Jahr 2013 heißt es, eure „Musiktexte klingen nach vertonten Gedichten“. Ich finde diesen Vergleich sehr treffend. Wie entsteht ein Herrenmagazin-Song?

Deniz Jaspersen: Meistens beginnt es mit einem Wort oder einem Satz, der mich inspiriert oder zu einem Thema anregt. Dann überlege ich mir, wo sich das Lied inhaltlich hinentwickeln kann. Manchmal schreibe ich Songs innerhalb von zwanzig Minuten, es gibt aber auch Songs, bei denen ich um jede Zeile ringe. Die bearbeite ich dann eine Zeit lang vielleicht gar nicht mehr und grabe sie viel später wieder aus. Meistens beginne ich also mit dem Songtext, weil ich lieber Texte schreibe. Manchmal entwickle ich die Melodie auch simultan zum Text. Ich schreibe zwar die Songs für Herrenmagazin, bin aber niemand, der sich zuhause in seinem Kämmerchen einschließt und mit einem fertigen Album wieder herauskommt. Wenn ich die Strophen und den Refrain fertig habe, dann gehen wir zusammen in den Proberaum und probieren herum und arrangieren den Song.

 

Im Onlineshop von Herrenmagazin gibt es ein Fanshirt, auf dem Anagramme des Bandnamens stehen, z.B. „Zange, Arme, Hirn“ oder „Maehne ganz irr“. Wie würde Herrenmagazin heißen, wenn nicht Herrenmagazin?

Deniz: Wahrscheinlich wäre es irgendetwas, das nach einer typischen Indieband klingt. „Die Heiterkeit“ oder „Die Botschaft“ vielleicht [lacht]. Irgendetwas, das weniger nach Funk-Punk oder Melodic Punk klingt als Herrenmagazin, denn das trifft ja überhaupt nicht auf uns zu. Ich glaube, die Leute haben auch manchmal Berührungsängste aufgrund des Namens. Es ist wahrscheinlich kein Name, den man gerne irgendwo liest. Den Bandnamen gab es schon vor der ersten Probe und hätten wir noch einmal darüber nachgedacht, hätten wir vielleicht einen anderen genommen [lacht].

Bei dem Shirt geht es wie beim Songschreiben wieder um Worte. Wir von Herrenmagazin sind große Fans von Worten. Es passiert so häufig, wenn wir auf Tour sind, dass wir uns Wörter ausdenken oder über bestimmte Wörter und Formulierungen diskutieren. Heute zum Beispiel haben wir in Trier eine Firma mit dem Namen „Haßdenteufel“ gesehen. Das fand ich bemerkenswert. Da haben wir auch sofort darüber gesprochen.

 

Herrenmagazin
Deniz Jaspersen im Räng Teng Teng in Freiburg I Foto: Nina Zeindlmeier

In Eurem aktuellen Album „Sippenhaft“ geht es um Familie und soziale Gefüge. Sippenhaft bedeutet, dass Familienmitglieder für die schlechten Taten eines anderen Familienmitglieds einstehen müssen. Das klingt eher negativ. Was ist das schlimmste an Familie, was das schönste?

Deniz: Das schlimmste an Familie ist, wenn sie so überkritisch und neidisch und missgünstig wird und man in ständigem Wettbewerb mit den anderen ist. Ihn meiner Familie sind wir sehr viele und es ist sehr kompetitiv, das hat mir nicht immer gut getan. Ich kann es gut verstehen, wenn man sagt, man fährt gerne zu seiner Familie nach Hause, aber nach vier Tagen hält man seine Mutter nicht mehr aus.

Das ist allerdings nicht das, was wir mit Sippenhaft meinen. Der Begriff beschreibt ja alle möglichen sozialen Beziehungen wie Freunde, Arbeitskollegen oder eine Szene. Es gibt da überall konstruierte Regeln und gesellschaftliche Codes, die einem sagen, was geht und was nicht geht. Diese Regeln können Orientierung geben und eine Abgrenzung zu anderen darstellen. Andrerseits können sie jedoch auch limitieren und die eigene Sicht einschränken. Deshalb haben wir mit „Sippenhaft“ dieses Bild von sozialen Konstrukten als Stäbe eines Käfigs gewählt.

Das Schönste an Familie ist die Loyalität und die Bedingungslosigkeit, mit der man liebt. Man wird die ja nicht los und es ist schön zu wissen, dass es da Menschen gibt, die immer da sind. Familie ist mir sehr wichtig. Aber eben in homöopathischen Dosen.

 

Ein Titel des aktuellen Albums heißt „Ehrenwort“. Auf Spotify kommentierst Du die einzelnen Songs aus „Sippenhaft“ und sagst, „Ehrenwort“ hätte ein positives Liebeslied werden sollen, sei aber ein negatives geworden. Warum kann es keine positiven Liebeslieder geben?

Deniz: Alter, es ist so schwer. Ich weiß es selbst nicht, ich arbeite daran. Unlängst habe ich ein Lied geschrieben, in dem es um eine On-Off-Beziehung geht. Das ist sozusagen das positivste, was ich bisher hervorgebracht habe. In „Ehrenwort“ geht es um eine Liebe, die nicht sein darf. Jetzt kommt das nächste Lied, das von einer On-Off-Beziehung handelt. Vielleicht schaffe ich es danach, ein positives Liebeslied zu schreiben. Vielleicht tue ich mich schwer, weil ich Angst habe, dass es kitschig klingt. Die Worte sind noch nicht zu mir gekommen. Irgendwo da in der Luft ist das Lied, das ich schreiben werde [lacht].

 

Vor Ende des Jahres werdet Ihr eine Pause einlegen, was Eure Fans natürlich sehr schade finden. Was habt Ihr Euch in dieser Pause vorgenommen und wie geht es danach weiter?

Deniz: Rasmus [Rasmus Engler, Schlagzeuger], wird weiter seinen musikalischen Projekten nachgehen. Er spielt auch für die Band Bierbeben. Torben [„König Wilhelmsburg“, Gitarrist] ist Vater geworden. Er wird arbeiten und sein Kind großziehen. Paul [Paul Konopacka, Bassist] hat gerade seine Diplomarbeit fertig geschrieben und ich werde auf jeden Fall weiter Musik machen.

Wie es nach der Pause weitergeht, wissen wir noch nicht. Wahrscheinlich wird es zwei, drei Jahre dauern, bis wir wieder mir einer Platte kommen. Ich liebe es eigentlich, auf Tour zu sein. Ich liebe Reisen, ich liebe Hotels, jeden Tag Ei zum Frühstück und jeden Tag frische Bettwäsche. Das finde ich super [lacht] und das wird mir auch fehlen. Trotzdem wollten wir uns die Zeit nehmen, um sich auch mal wieder zu vermissen.

 

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